Kennzahlensysteme

Es ist von zentraler Bedeutung für den Informationsgehalt von Kennzahlen, sich bestimmte Werte auszuwählen, um so nur die Werte zu berechnen, die wirklich benötigt werden. Es sollte ein Informationssystem entstehen, welches automatisiert Überblick über die geschäftliche Situation schafft und der Unternehmensanalyse dient. Werden nun also zwei oder mehrere Kennzahlen, die in einer sachlich sinnvollen Beziehung zueinander stehen, sich gegenseitig ergänzen, erklären oder auf ein übergeordnetes Ziel ausgerichtet sind, miteinander kombiniert, entsteht ein Kennzahlensystem.

Man differenziert hier Rechner- von Ordnungssystemen.

Bei Ordnungssystemen werden Kennzahlen so miteinander kombiniert, dass ein Sachverhalt dargestellt werden kann, ohne auf rechentechnische Verknüpfungen zurückzugreifen. Bei Bedarf lassen sich dem System immer weitere Kennzahlen zuordnen.

Rechnersysteme dagegen zerlegen Kennzahlen in eine hierarchische Struktur. Sie werden so verknüpft, dass sich Veränderungen einer Kennzahl auf vor- bzw. nachgelagerte Kennzahlen des Systems auswirken. Der berechnete Zusammenhang verändert sich also.

Das bekannteste und älteste Kennzahlensystem ist das DuPont-Schema. Es zählt zu den Rechnersystemen und wurde bereits 1919 durch den amerikanischen Chemiekonzern E.I. DuPont de Nemours and Company entwickelt und ist immer noch Prototyp für andere Kennzahlensysteme. Es ist ebenfalls unter dem Namen ROI-Baum bekannt, denn im Mittelpunkt steht die Gesamtkapitalrendite bzw. der Return on Investment (ROI). Durch die Schlüsselgröße ROI wird das Unternehmen wertorientiert geführt, denn eine solide Lage der Gesamtrentabilität ist oberstes Unternehmensziel dieses Schemas. Der ROI-Baum hat die Gestalt einer Kennzahlenpyramide und spaltet sich in Produkte, Differenzen und Summen unterschiedlicher Kennzahlen auf. Dieses geschlossene System ermöglicht es Abhängigkeiten und Wechselwirkungen verschiedener Größen erkennbar und analysierbar zu machen.

ROI Baum
ROI Baum

Vorteile dieses Kennzahlensystems sind die guten Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten durch die Übersichtlichkeit der Einflussfaktoren. Man kann es auf das ganze Unternehmen oder auch nur auf Unternehmensteile anwenden und die eigene Leistung gut mit anderen Unternehmen oder Sparten vergleichen, da die Kennzahlen überwiegend leicht aus dem Rechnungswesen bezogen werden können.

Nachteilig dagegen ist die ausschließlich rückblickende Betrachtung der monetären Größen und die Kurzfristigkeit. Langfristige Potentiale könnten vernachlässigt werden, da das momentane Rentabilitätsziel in den Vordergrund gerückt wird. Unternehmensteile, die keinen direkten Gewinn erwirtschaften können mit dem DuPont-Schema nicht beleuchtet werden, da es sich um ein rein monetäres Modell handelt.

Im Folgenden werden Beispiele für Ordnungssysteme erläutert.

Das RL-Kennzahlensystem wurde direkt für den Controllingbereich entwickelt. Die wichtigsten Kennzahlen sind hier Erfolg und Liquidität. Es besteht aus dem unternehmensübergreifenden allgemeinen Teil, beispielsweise für zwischenbetriebliche Vergleiche und dem Sonderteil für vertiefende Analysen. Bedeutendste Erfolgsgröße ist hierbei das ordentliche Ergebnis, bestehend aus neutralem Ergebnis und Betriebsergebnis. Wesentlicher Vorteil ist die Integration der Liquidität, neben der Ausrichtung auf ein gutes Ergebnis ist der Schutz vor Zahlungsunfähigkeit und drohender Insolvenz vordergründig.

Ebenso Ordnungssystem ist das branchenneutrale ZVEI-Kennzahlensystem, welches 1989 vom Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie e.V. in Anlehnung an das DuPont-Schema entwickelt wurde. Es umfasst allerdings zwei Analysestufen. Bei der Wachstumsanalyse handelt es sich um ausgewählte Kennzahlen aus dem Jahresabschluss, die das Geschäftsvolumen, das Personal und den Erfolg beurteilen. Die Strukturanalyse bildet Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge durch ein mathematisch verknüpftes System analog zum DuPont-Schema ab. Hier wird jedoch als Spitzenkennzahl die Eigenkapitalrentabilität (ROE) gewählt und in ihre Bestandteile aufgespaltet. Damit erfüllt das System wichtige Analyse- und Steuerungsfunktionen auch für Branchenvergleiche.

Letztlich gehört auch die Balanced Scorecard ihrem Wesen nach zu den Ordnungsystemen.

Balanced Scorecard
Balanced Scorecard

Die Balanced Scorecard ermöglicht nebeneinander mehrere Sichtweisen, die eine ganzheitliche Betrachtung des Unternehmens zulassen. Man wählt vier Felder, die als Erfolgsgaranten für das Unternehmen gelten und legt für jedes Feld – in diesem Falle für jede Perspektive – bestimmte Ziele fest, die man aussichtsreich erreichen will. Jedes Feld erhält seine eigenen Strategien, Kennzahlen und notwendige Maßnahmen, die hierbei nicht nur aus der Gewinn- und Verlustrechnung oder der Bilanz stammen. Man zeichnet also auch Ursache-Wirkungs-Beziehungen auf, die nicht geldlich erfasst werden können, wie die Kundenzufriedenheit oder der Umgang mit etwaigen Aktionären. Die traditionellen finanziellen Kennzahlen werden somit durch eine Kunden-, eine interne Prozess- und eine Lern- und Entwicklungsperspektive – respektive andere Felder die für das Unternehmen interessant sind – vervollständigt. Diese neuen Perspektiven sind über Ursache-Wirkungs-Beziehungen mit der finanziellen Perspektive verbunden, um gemeinsam die Unternehmensstrategie besser verfolgen zu können.

Ursache-Wirkungs Kette i.d. Balanced Scorecard
Ursache-Wirkungs Kette i.d. Balanced Scorecard

Vor- und Nachteile der Verwendung

Das bereits Geschilderte führt zu eindeutigen Vor- und Nachteilen der Verwendung von Kennzahlen:

Vorteile

Nachteile

  • schneller, pointierter Blick auf wichtige Fakten
  • Anwender kann beliebige Kennzahlen und Interpretationen wählen, die seinen Zielen am Besten entsprechen
  • Flexibilität, Anpassung an jedes Unternehmen möglich durch Fülle an Kennzahlen
  • keine klare Führungsrichtung, wenn die Auswahl der Kennzahlen durch aktuelle Probleme geprägt ist
  • einfache Programmierbarkeit und Aufnahme in die EDV bei Rechnersystemen
  • Vernachlässigung langfristiger Gewinne zu Gunsten kurzfristiger Gewinne, bei kompletter Ausrichtung auf Kennzahlen
  • Unternehmensführung wird erleichtert, durch die Informationsverdichtung sinkt die Komplexität
  • Kennzahleninflation, bei Bildung zu vieler Kennzahlen steht der Nutzen nicht mehr in Relation zum Erstellungsaufwand
  • klar und verständlich für Jeden, ohne weiteren Erklärungsbedarf werden Informationen übermittelt
  • Quantitativ messbare Größen können leicht bedeutsamer wirken als qualitative Größen
  • transparente Entscheidungswege fördern die Akzeptanz aller Mitarbeiter
  • Einseitige Sichtweise (Dinge wie Umweltschutz bleiben außen vor)
  • Erkennung von Abweichungen und Schwachstellen bei regelmäßiger Erfassung
  • Abhängigkeit von Informationssystemen, bei schlecht geführter EDV sind die Kennzahlen zu alt, um aussagefähig zu bleiben
  • Zielgrößen sind genau zu verfolgen, was die Motivation stärkt

Bei falschem Umgang beziehungsweise falscher Auswahl der Kennzahlen kann es zu Fehlentscheidungen kommen und somit schlimmsten Falls zur Fehlsteuerung des gesamten Unternehmens.

(Linda Vollberg)

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